Leseproben
Beratung – im Normalfall kompetent?
Irrtum: Anlageberater beraten im Normalfall kompetent.
Richtig ist: Schätzungen zufolge kosten Fehlberatungen
den deutschen Sparer die Hälfte seiner Rendite, in Euro insgesamt
rund 90 Milliarden pro Jahr.
Es spielt fast keine Rolle, bei welcher Bank, Versicherung oder bei welchem sogenannten unabhängigen Berater Sie sich beraten lassen: Das Ergebnis ist fast immer mangelhaft. Dies ist regelmäßig die Quintessenz bei unabhängigen Tests. Die Anlegerzeitschrift Börse Online hat die Beratung bei zwölf Banken getestet, darunter auch die bekannten Platzhirsche. Ergebnis: Die Banken erreichten im Schnitt nur 44 von 75 maximal möglichen Punkten. Nicht mal die zwei Erstplatzierten des Rankings schafften es, bei der Erfassung der persönlichen Situation des Anlegers die volle Punktzahl zu erzielen. Aber ohne eine Kenntnis dieser Information sind Empfehlungen höchstens zufällig passend, ein Schaden aufgrund der Fehlberatung ist vorprogrammiert. Finanztest titelte im Juli 2008: »Beratung zur Abgeltungssteuer: Falsche Auskunft« und im Januar 2007: »Kreditberatung: Beraten und Verkauft«.
Die WirtschaftsWoche berichtete im Februar 2008: »Uns liegen interne Mails und Papiere vor, die belegen, dass in der vermeintlich seriösen Branche nicht selten Zustände herrschen wie in einer Drückerkolonne.« Eine Bankmitarbeiterin äußerte sich zu den oft recht enggestrickten Verkaufsvorgaben: »Sie können sich nicht sicher sein, ob Sie ein Produkt empfohlen bekommen, weil es wirklich gut ist oder weil es in dieser Woche noch verkauft werden muss.« Im Online-Forum der WirtschaftsWoche schrieben sich wochenlang desillusionierte Mitarbeiter von Banken und Sparkassen ihren Ärger über einengende Vertriebsziele von der Seele, die eine bedarfsgerechte Beratung unmöglich machten. Detaillierte Vorgaben, wie viele Rentenversicherungen oder geschlossene Fondsanteile ein Angestellter pro Woche oder Monat zu verkaufen hat, scheinen inzwischen in der Branche die Regel zu sein. Die Verbraucherzentrale Bremen hat die Beratungsqualität von Vertretern einer Versicherung und einer ihr nahestehenden Geschäftsbank unter die Lupe genommen. Für die Verbraucherschützer war das Ergebnis erschreckend: Der Durchschnitt aller 32 untersuchten Beratungen war mangelhaft.
Die Europäische Union hat längst erkannt, dass etwas geschehen muss, und die Richtlinie MIFID erlassen (zu Deutsch Finanzmarktrichtlinie), die nicht allen, aber immerhin vielen Anlageberatern Pflichten auferlegt. Sie war zu dem Zeitpunkt fast aller oben erwähnten Testberatungen bereits in Kraft. Die Umsetzung lässt demnach zu wünschen übrig.
Daher ist es umso wichtiger, dass Sie wissen, wie eine kompetente Beratung aufgebaut ist. Die Vorsorgepyramide zeigt die einzelnen Schritte einer durchdachten Finanzplanung, die alle aufeinander aufbauen. Zur Spitze der Pyramide, der Altersvorsorge, gelangt man erst, nachdem alle Stufen darunter angegangen wurden. Kompetente Berater gehen nach diesem Schema vor.
1. Sich vor existentiellen Risiken zu schützen hat allerhöchste Priorität. Dazu gehört unbedingt eine Haftpflichtversicherung. Für die, die noch im Erwerbsleben stehen, ist häufig auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung sinnvoll. Familien und Ehepartner können den Todesfall mit einer Risikolebensversicherung absichern. Aber: Meiden Sie alle Versicherungsangebote, die unabhängig vom Risikoschutz bei Ablauf auch Kapital auszahlen. Die Koppelung von Versicherungsschutz mit Geldanlage bringt für Anleger praktisch nie Vorteile.
2. Mit dem Notgroschen von zwei bis drei Monatsgehältern beugen Sie einer teuren Kontoüberziehung vor. Man weiß ja nie, was unerwartet an Ausgaben auf einen zukommt – wann die Waschmaschine, der Fernseher oder beides zusammen den Geist aufgibt. Dafür kommt nur eine sichere, flexible Anlageform in Frage, zum Beispiel ein Tagesgeldkonto.
3. Wenn Sie noch Schulden haben, wird ein kompetenter Berater empfehlen, diese vorrangig zu tilgen. Denn der Zinssatz für Schulden ist häufig viel höher als der Zins, den Sie für Geldanlagen bekommen. Ein Beispiel: Ein Immobiliendarlehen kostet zurzeit mindestens 5 Prozent Zinsen pro Jahr. Selbst die beste Rentenversicherung kann da nach Kosten und Steuern kaum mithalten.
4.Um die in Frage kommenden Geldanlageprodukte noch besser eingrenzen zu können, wird ein Berater auch fragen, wann größere Anschaffungen, etwa ein Autokauf oder Immobilienerwerb, anstehen. Die Altersvorsorge schließlich reicht am weitesten in die Zukunft. Berater sollten bei ihren Produktvorschlägen auch berücksichtigen, falls sich Anleger noch nicht festlegen möchten, ob sie das Geld als Altervorsorge oder für andere Zwecke verwenden wollen. Im Einzelfall sind flexible Lösungen besser geeignet als starre Vorsorgeprodukte, die sich nur unter Inkaufnahme hoher Verluste an veränderte Lebensumstände anpassen lassen.
Im Idealfall erhalten Sie ein vollständiges Protokoll, welches das Gespräch und den empfohlenen Rat schriftlich dokumentiert. Damit meinen wir nicht einen Ausdruck der Produktempfehlung, sondern eine Dokumentation der gestellten Fragen und der besprochenen Lösungen. Für den Fall, dass Sie selbst bei sehr qualifizierten Beratern falsch beraten werden, zum Beispiel indem risikoreichere Produkte als gewünscht vermittelt werden, ist ein Protokoll des Gesprächs umso wichtiger. Es erleichtert Ihnen, eine Falschberatung nachzuweisen und Schadenersatzansprüche geltend zu machen.
Bei der Suche nach kompetenter Beratung tun sich viele Anleger schwer. So gibt es leider nur wenige Banken und Berater, die unabhängig von Provisionsinteressen für eine pauschale Vergütung arbeiten. Wer sich auf diese Weise bezahlen lässt, dürfte aber eher mit der Vorsorgepyramide als Grundlage einer Beratung arbeiten und in der Tendenz eine bessere Beratungsqualität leisten. In Deutschland ist das etwa die Quirinbank. Auch wenn die Testergebnisse noch nicht auf ganzer Linie überzeugen, ist der Ansatz vielversprechend. Für Vermögen ab 500 000 Euro positioniert sich das Bankhaus Wölbern. Die Verbraucherzentralen als gemeinnützige Vereine bieten eine Honorarberatung an, vermitteln allerdings keine Verträge. Des Weiteren sind diverse freie Berater in einer Reihe von Verbänden zusammengeschlossen (siehe unten angegebene Links). Eine Verbandsmitgliedschaft alleine bietet freilich noch keine ausreichende Gewähr für eine kompetente und unabhängige Beratung. Eine entsprechende Ausbildung, zum Beispiel als zertifizierter Finanzplaner (CFP), ist ein weiteres Indiz für Qualität. In jedem Fall sollten Sie sich erläutern lassen, auf welcher Grundlage Anlageempfehlungen zustande kommen, und schriftlich festhalten, wie der Berater mit anfallenden Provisionen verfährt.
Die Beratungsstundensätze beginnen im Einzelfall ab 70 Euro und liegen oft bei über 100 Euro. Das hört sich zunächst sehr teuer an. Wenn Sie aber die Kosten einer Beratung mit den im voranstehenden Kapitel angeführten Provisionen vergleichen, sind diese Beträge tatsächlich gering. Und wer etwa schon am Anfang seines Berufslebens 500 Euro in eine kompetente Beratung investiert und dadurch die Rendite seiner Anlagen selbst nur um 1 Prozent erhöht, spielt das Beratungshonorar mehrfach wieder ein. Wem diese Form der Beratung dennoch zu teuer erscheint, dem bleibt natürlich die »Do It Yourself«-Variante. Mit guten Büchern und Seminaren zum Thema Finanzen, aber auch mit vielen den in diesem Lexikon angegebenen Links kann man sich einiges aneignen.
Links:
www.berater-lotse.de
www.bundesverband-finanz-planer.de
www.fpsb.de (Financial Planning Standards Board Deutschland e. V.)
www.vdh24.de (Verband deutscher Honorarbarater)
www.verbraucherzentrale.de (unabhängige Beratung mit pauschalen Stundensätzen)
www.vuv.de (Verband unabhängiger Vermögensverwalter)
www.vvv.de (Verband verbraucherorientierter Versicherungs- und Finanzmakler)