Leseproben
Geld und Glück
Irrtum: Geld macht nicht glücklich.
Richtig ist: Wer glaubt, dass Geld nicht glücklich macht,
wird jedenfalls nie zu Geld kommen.
Schon in Bertold Brechts Dreigroschenoper wurde geträllert: »Ist das nötige Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut.« Und da soll Geld nicht glücklich machen? Das Konto laufend im Minus und elf Monate im Jahr auf vier Wochen Urlaub zu sparen macht jedenfalls auch nicht glücklich. Der Denkfehler besteht darin, dass viele Menschen Geld und Luxus gleichsetzen. Luxus scheint tatsächlich nicht glücklich zu machen, jedenfalls nicht auf Dauer – Geld schon. Spitzfindig? »Das Wichtigste ist Unabhängigkeit. Und wahre Unabhängigkeit gibt es nur durch Geld«, meint Martin Walser in seinem Roman Angstblüte. Mario Adorf stimmt ihm zu: »Der einzige Wert von Geld liegt darin, dass es unabhängig macht. Und es gibt kein größeres Glück als Unabhängigkeit.« Dem schließt sich auch Audrey Hepburn an: »Luxus interessiert mich nicht. Ich habe mein Geld benutzt, um mir Freiheit zu kaufen.« Geld macht diese Promis also nicht glücklich, weil sie sich damit die neueste Mode auf der 5th Avenue in New York statt im Versandhaus kaufen können, sondern weil es der Schlüssel zur Freiheit ist: etwa zu einer Freiheit, einem Chef Lebewohl zu sagen, der Ihnen das Leben zur Hölle macht, zu einer Freiheit, einen Job zu beenden, der Sie nicht mehr erfüllt. Geld kann Sie auch von Existenzängsten befreien, wenn die nächste Entlassungswelle anrollt. Und dafür braucht es keineswegs Millionenbeträge.
In jungen Jahren kann man auch mit wenig Geld glücklich sein, zumal wenn die Freunde auch nicht üppig damit ausgestattet sind. Rad statt Roadster, Skateboard statt Scala – der Lebensfreude tut das ganz und gar keinen Abbruch. Doch mit fortschreitendem Alter kommen weitere Vorzüge des Geldes zum Vorschein: Es ermöglicht nicht nur Komfort und Reisen, sondern auch beste medizinische Versorgung und Pflege und vermag die nachlassenden eigenen Kräfte zu ersetzen. »Geld zu haben heißt, sich 30 Jahre Würde zuzulegen«, sagt eine chinesische Weisheit über die Wohltat eines kleines Vermögens im Alter.
Gut, Geld macht also unabhängig und verschafft seinem Besitzer weitere Annehmlichkeiten. Aber macht es auch glücklich? Zumindest wächst Untersuchungen zufolge bei steigendem Einkommen auch die Zufriedenheit mit dem Einkommen. (Das ist nicht selbstverständlich, denn oft heißt es, ein höheres Einkommen werde schnell für selbstverständlich gehalten, man gewöhne sich rasch an das gestiegene Niveau.) Und: Ein höheres Einkommen steigert auch die allgemeine Lebenszufriedenheit, wenn auch nur als ein Faktor unter vielen.
Lange Zeit hat die Forschung angenommen, dass Glück und Zufriedenheit der Menschen nicht zunehmen, nur weil die Wirtschaft und unser Einkommen wächst. Lediglich wenn es uns im Vergleich zu unseren Nachbarn bessergeht, würden wir uns gut fühlen. Der niederländische Soziologe Ruut Veenhoven hat nun eine weltweite Glücksdatenbank aufgebaut, in der er alle Erhebungen zum menschlichen Wohlbefinden sammelt. Er kommt zu dem Schluss, dass sich Menschen in Ländern mit niedrigen Einkommen im Durchschnitt auch weniger glücklich fühlen als Menschen in Ländern mit mittleren oder hohen Einkommen. Und Daten aus einer Gallup-Umfrage zeigen auf einer Skala von eins bis zehn, dass jede Verdopplung des Einkommens die Lebenszufriedenheit um fast einen Punkt steigert. Die armen, aber glücklichen Südländer sind eine Legende. Nicht sie, sondern die Dänen sind in Europa das glücklichste Volk.
Der Satz »Geld macht nicht glücklich« ist also nicht ganz richtig. Er ist sogar gefährlich. Er sorgt dafür, dass Menschen das Thema finanzielle Vorsorge auf die leichte Schulter nehmen oder verdrängen. Er hindert Menschen geradezu daran, sich um ihre Finanzen zu kümmern, sich Gedanken zu machen, wie sie ihr Einkommen erhöhen, ihre Ausgaben verringern und ihre Rücklagen erfolgreich investieren können. Die Konsequenz: Sie bleiben mittellos und müssen sich weiter mit dieser Weisheit trösten.